grafik mit mensch der am schreibtisch sitzt mit fragezeichen über dem kopf wegen lesen und schreiben
© Flashvector/ iStock
Letztes Update am: 

Legasthenie: Ursachen der Lese-Rechtschreibstörung (LRS)

Gleich vorweg: Legasthenie hat nichts mit einer unterdurchschnittlichen Intelligenz oder Behinderung zu tun. Kinder mit Legasthenie sind nicht dümmer als andere Kinder. Sie können in anderen Bereichen ebenso gute oder gar bessere Leistungen vollbringen wie andere Kinder. Die genauen Ursachen einer Lese-Rechtschreibstörung (LRS) sind nicht bekannt. Vermutet wird ein Zusammenspiel genetischer, neurobiologischer und kognitiver Prozesse. Ursachen von Legasthenie: Was die Forschung weiß.

Was ist die Ursache von Legasthenie?

Warum manche Kinder Schwierigkeiten beim Erlernen von Lesen und Schreiben haben, ist nicht abschließend geklärt. Bekannt ist, dass bei Legasthenie in der Regel mehrere Faktoren zusammenspielen (multifaktorielles Geschehen): Genetische Faktoren, neurobiologische Faktoren sowie kognitive Faktoren gehören zu den bekannten Ursachen einer Legasthenie.

Legasthenie ist eine Lernstörung, die auf ererbte oder durch Erkrankungen erworbene Funktionsstörungen im Gehirn in den ersten Lebensjahren zurückzuführen ist.

Legasthenie-Ursache Genetik: Wer vererbt Legasthenie?

Genetische Faktoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer Legasthenie, das haben Studien zeigen können. Schulische Entwicklungsstörungen kommen in Familien gehäuft vor. Hat ein Elternteil Legasthenie, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko, dass das Kind ebenfalls eine Lese-Rechtschreibstörung entwickelt. Ist ein Kind in der Familie von einer Legasthenie betroffen, so haben in gut 40 Prozent der Fälle auch Geschwister oder ein Elternteil eine Lese-Rechtschreibstörung – oder beide. Allerdings verursacht dieser genetische Einfluss nicht zwangsläufig eine Legasthenie. Das Kind bringt aber eine gewisse Veranlagung dazu mit. Kommen weitere Risikofaktoren hinzu, steigt die Wahrscheinlichkeit.

Männliches Geschlecht häufiger betroffen

Auch das Geschlecht scheint bei Legasthenie eine Rolle zu spielen. So sind männliche Personen fast doppelt so häufig von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten betroffen wie weibliche. Männliche Kinder, deren Eltern bereits Legastheniker:innen sind, haben aufgrund ihrer Veranlagung und ihres Geschlechts ein erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Legasthenie zu entwickeln.

Lesetipp: Babybrille: Darauf sollten Sie bei der Brille für das Baby achten.

Legasthenie-Ursache: Forscher:innen finden neues Gen für Legasthenie

Wie bereits erwähnt, spielen genetische Faktoren bei der Entstehung einer Legasthenie eine bedeutende Rolle. Bisher sind über 20 verschiedene Gene beziehungsweise Genorte bekannt, die mit der Entstehung einer Legasthenie in Zusammenhang stehen. Im Jahr 2020 ist es einem Forscherteam der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und des Würzburger Universitätsklinikums gelungen, gemeinsam mit Wissenschaftler:innen aus Forschungseinrichtungen in Deutschland und den USA, ein weiteren Gen zu identifizieren, das bei Legasthenie eine Rolle spielt.

In einer Familie, in der seit über vier Generationen hinweg Legasthenie auftritt, haben die Wissenschaftler:innen einen neuen Genort auf Chromosom 4q28 nachgewiesen: eine spezifische Nukleotidvariante in einer Sequenz des SPRY1-Gens. Die Forscher:innen gehen davon aus, dass diese Sequenzveränderung das SPRY1-Gen beeinflusst. Eine direkte Konsequenz oder gar eine Therapie der Lese- und Rechtschreibstörung würden die Forschungsergebnisse allerdings nicht ergeben, schränken die Forscher:innen ein. Dennoch stelle die Entdeckung ein neues Puzzlestückchen für das Gesamtbild der Vorgänge im Gehirn bei Legasthenikern dar, so das Fazit der Wissenschaftler:innen.

Legasthenie-Ursache: Neurobiologie

Im Bereich der Neurobiologie deuten Forschungen darauf hin, dass bei Legasthenie-Betroffenen bestimmte Abläufe im Gehirn anders sind als bei Menschen ohne Legasthenie. Die Verarbeitung von äußeren Reizen, wie akustische und optische Signale, sind verändert. Forscher konnten über bildgebende Verfahren zeigen, dass bei Legasthenikern beim Lesen und Schreiben Abweichungen in den Aktivitätsmustern im Gehirn bestehen.

Auch bei der Verarbeitung von Sprache zeigen sich Unterschiede: Bei bis zu 80 Prozent der Kinder mit Legasthenie sind Schwächen in der sogenannten „phonologischen Bewusstheit“ erkennbar – also der Fähigkeit, lautliche Eigenschaften der Schriftsprache zu erkennen und zu gebrauchen. Das betrifft etwa die Fähigkeit, den Laut „u“ vom Laut „o“ zu unterscheiden. Ein kleiner Teil der LRS-Kinder hat Schwierigkeiten bei der visuellen Informationsverarbeitung. Ihnen gelingt es beispielsweise nicht, einzelne Buchstabenzeichen zu einem Wort zusammenzufügen, wenn sie diese lesen.

Veränderte Wahrnehmungs- und Denkprozesse

Abweichungen in den neurobiologischen Prozessen wiederum nehmen Einfluss auf die Denk- und Wahrnehmungsprozesse (Kognition) von Legasthenie-Betroffenen. Das wirkt sich beispielsweise auf das Arbeitsgedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit, die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen, Buchstabenkenntnis und Wortschatz aus.

© WDR

Legasthenie und mögliche Begleiterkrankungen

Eine Legasthenie birgt zudem weitere Risiken: Viele Kinder haben Angst vor der Schule und sind überfordert von den Erwartungen, die dort an sie gestellt werden. Bei bestehender psychischer Belastung, fehlendem Verständnis und ohne entsprechende Förderung können sich Angststörungen und Depressionen entwickeln. Auch Rechenschwierigkeiten (Dyskalkulie) und die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) treten häufig in Zusammenhang mit einer LRS auf.

Lesetipp: ADHS: Was steckt hinter der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung?

Lesetipp: Depressionen bei Kindern: So kann geholfen werden.

Sind Legastheniker dümmer als andere Schüler?

Die Behauptung, Kinder mit Legasthenie seien dümmer und hätten einen niedrigeren IQ als ihre Mitschüler ohne Lese-Rechtschreibstörung, ist schlichtweg falsch. Mangelnde Intelligenz ist KEINE Legasthenie-Ursache. Unter Legasthenikern liegt die gleiche Normalverteilung der Intelligenz vor wie bei anderen Menschen. Sie haben „nur“ die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.

Legasthenie ist nicht heilbar und „wächst“ sich auch nicht aus. Wie die Berufsverbände für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland mitteilen, ist der Verlauf der Lese-Rechtschreibstörung maßgeblich von der schulischen und familiären Unterstützung abhängig. Mit entsprechender Förderung könne viel erreicht werden. Jedoch müsse laut aktuellem Kenntnisstand davon ausgegangen werden, dass die Störung nicht vollkommen kompensiert werden könne.
Führende Wissenschaftler stufen eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS) weder als eine Krankheit noch eine Behinderung ein. In der Regel wird die LRS als (spezifische) Lernstörung oder Teilleistungsstörung betrachtet. Dennoch gibt es Experten, die von einer nicht-sichtbaren Behinderung sprechen, da man die Einschränkung des Lernvermögens den Betroffenen nicht ansieht. Bei Legasthenie handelt es sich auch nicht um eine psychische Störung. Aber: Ohne entsprechende pädagogische Förderung können sich zu der LRS psychische Erkrankungen und Auffälligkeiten entwickeln. Betroffene Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen machen in der Schule täglich die Erfahrung des Scheiterns – hieraus entwickeln sich häufig Versagensängste und Schulangst. Das wirkt sich auf die Persönlichkeitsentwicklung aus. Angststörungen, Depressionen oder ADHS können die Folge sein. Studien zeigen, dass bei über 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit LRS Verhaltens- und emotionale Störungen bestehen.
Im Schulgesetz sind ausdrücklich Möglichkeiten enthalten, die eine angepasste Beurteilung von Schüler:innen mit Legasthenie ermöglichen. Das berücksichtigt sowohl die Bewertung der Rechtschreibung von schriftlichen Arbeiten, das Aussetzen von Diktatnoten sowie die Möglichkeit eines Notenausgleichs. Da in den verschiedenen Bundesländern verschiedene Ausgleichmöglichkeiten bestehen, sollten Eltern mit den Lehrer:innen ins Gespräch gehen. Wenn ein Kind den Nachteilsausgleich, kurz NTA, in Anspruch nimmt oder die LRS bei der Benotung berücksichtigt wird (Notenschutz), vermerkt die Lehrkraft dies im Zeugnis. 


Quellen:

uni-wuerzburg.de: „Legasthenie: Neues Gen identifiziert“. Pressemeldung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

neurologen-und-psychiater-im-netz.de: „Ursachen einer Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)“. Online-Information der Berufsverbände für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland.

legasthenie-zentrum-berlin: „Ursachen“. Online-Information des Legasthenie-Zentrum Berlin e.V.

legasthenieverband.org: „Fragen & Antworten. Was ist Legasthenie?“. Online-Information des Dachverbands Legasthenie Deutschland e. V. (DVLD).

gesundheitsinformation.de: „Umschriebene Entwicklungsstörungen in der Kindheit und Jugend“. Online-Information des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

bvl-legasthenie.de: „Was sind die Ursachen einer Legasthenie?“. Online-Information des Bundesverbands Legasthenie & Dyskalkulie e.V.

bvl-legasthenie.de: „Die Landesverbände. Legasthenie & Dyskalkulie“. Online-Information des Bundesverbands Legasthenie & Dyskalkulie e.V.

awmf.org: „Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und / oder Rechtschreibstörung“. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP). AWMF-Registernummer 028-044.

baer.bayern.de: „Legasthenie – Lese- und Rechtschreibschwäche“. Online-Information von Bayerischer Erziehungsratgeber.

Disclaimer: Dieser Text enthält nur allgemeine Hinweise und ist nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung geeignet. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Alle individuellen Fragen, die Sie zu Ihrer Erkrankung oder Therapie haben, besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.
AL
Ann-Kathrin Landzettel
Autor/-in
Ann-Kathrin Landzettel M. A. ist Gesundheitsjournalistin aus Leidenschaft. Vor allem zwei Fragen treiben die geprüfte Gesundheits- und Präventionsberaterin an: Wie können wir lange gesund bleiben – und wie im Krankheitsfall wieder gesund werden? Antworten findet sie unter anderem im intensiven Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie in persönlichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Seit fast zehn Jahren gibt sie dieses Wissen rund um Gesundheit, Medizin, Ernährung und Fitness an ihre Leserinnen und Leser weiter.
Ann-Kathrin Landzettel
Wie finden Sie diesen Artikel?